Wieviel Umwelt braucht der Mensch?

Wir sind umgezogen. Nun ist so ein Umzug eine gute Gelegenheit, jedes Buch aus dem Regal zu nehmen, um es auf seine weitere Existenzberechtigung in der Wohnung zu prüfen. Bei diesem Vorgehen plumpste mir das Buch „Wieviel Umwelt braucht der Mensch?“ vom Chemiker und Doyen der Umweltbewegung Friedrich Schmidt-Bleek in die Hände. Schon in den 1960ern beschäftigte er sich mit Umweltfragen, war an verschiedenen Universitäten in verschiedenen Ländern tätig, dazu für die OECD und das Wuppertal Institut. 2018 verstarb er. Ich möchte hier einen Auszug aus seinem Buch zitieren, dass er 1997 – also vor dem Einsetzen der Share Economy – publiziert hatte:

„Industrielle Produkte werden eigentlich nur gebraucht, wenn man sie auch gebraucht. Gebrauchen heißt, Nutzen zu ziehen oder Dienstleistungen abzurufen. Insofern kaufen Menschen nicht Produkte, sondern sie legen sich Dienstleistungserfüllungsmaschinen zu. Das gilt für eine Dusche ebenso wie für das Auto [das Mobilität erbringt], die Waschmaschine [die saubere Wäsche macht], die Verpackung, den Schlagbohrer [der Löcher macht] oder den Kühlschrank.

Um Dienstleistungen dienstbar zu machen, muss man sie nicht unbedingt besitzen. Z.B. kaufen sich nicht viele Menschen ein Flugzeug für den nächsten Urlaub. Den Schlagbohrer bekommen heute aber viele schon zu Weihnachten, obschon sie ihn auch nur selten brauchen. Wenn jeder Fünfzehnte in Deutschland ein solches Gerät besitzt, dann waren mehr als 10.000 Tonnen hochwertiges Material dafür eingefroren [verbaut] und weit mehr als die zwanzigfache Menge Umwelt verbraucht, ehe sie noch im Laden lagen [die verbauten Materialien mussten zuvor unter maschinellem Einsatz extrahiert, aufbereitet und transportiert werden]. […]

Wir müssen aufhören, das Auto, das Spielzeug, den Kitsch im Urlaub, das Haus oder die Haushaltsmaschine kaufen zu wollen, einfach, weil es sie gibt und weil es ‚in‘ ist und weil wir glauben, nur mit ihnen unseren Dienstleistungsbedarf erfüllen zu können. Sie alle wurden ohne Berücksichtigung der ökologischen Randbedingungen entwickelt und produziert. […]

Wir brauchen kein Auto, sondern wir brauchen Transport oder ‚Mobilität‘ […]. Kurz: Wir brauchen nicht ein Produkt, sondern die Dienstleistung, die es uns geben kann.“

Um die Dienstleistung eines Autos nutzen zu können bieten sich das Car Sharing an und um die Dienstleistung von Haushaltsmaschinen, Spielzeugen oder Schlagbohrern und anderen Werkzeugen nutzen zu können bieten sich Bibliotheken der Dinge an. Nutzt man diese, braucht der Mensch weniger Umwelt und verursacht weniger Umweltschäden. Schmidt-Bleek kannte sie nicht, aber er würde Bibliotheken der Dinge wertschätzen.

Und sein Buch? Das hatte meine Existenzberechtigungsprüfung bestanden und durfte in die neue Wohnung umziehen.

Literatur

Friedrich Schmidt-Bleek (1997). Wieviel Umwelt braucht der Mensch? München, S. 203-207

Fotos und Grafiken

Titelfoto von Bernd Dittrich auf Unsplash
Foto im Text von Peter Burdon auf Unsplash

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