Geopolitik und Bibliotheken der Dinge
Der Abbau, Transport sowie die Verarbeitung von Rohstoffen gehen – erst recht in großen Mengen – mit einem erheblichen Verbrauch an Energie sowie mit diversen Umweltproblemen einher, die bereits im Bergbau beginnen. Das ist soweit bekannt.
Bestimmte Rohstoffe werden zudem besonders nachgefragt, weil sie z.B. für Green Tech, KI, oder fürs Militär benötigt werden. Also versuchen sich Großmächte und solche die es werden wollen, den Zugang zu Rohstofflagern zu sichern: Die USA schielen auf Kanada und Grönland, China aufs Südchinesische Meer mit seinen Bodenschätzen, Russland versucht die rohstoffreiche Ukraine zu kontrollieren (und gerne weitere Länder Europas).
Wurde der Abbau von Rohstoffen Anfang des 20. Jh. vor allem mit dem Fokus auf Umweltschäden betrachtet, ist dieser nun ins Zentrum geopolitischer Strategien gerückt sowie in Konzepte für die nationale Sicherheit. Im Rahmen dieser Blog-Reihe erwarten Sie nun nichts anderes als eine Antwort auf die Frage: „Okaaay, und welche Rolle sollen Bibliotheken der Dinge dabei spielen?“
Gut, wenden wir dazu eine neue Perspektive an: Werden Rohstoffe, vor allem solche, die in Elektrogeräten verbaut sind, kritischer, lautet die erste Maxime, sparsam mit ihnen umzugehen. Denn je weniger Rohstoffe importiert werden müssen, desto besser ist dies für die nationale Sicherheit und Resilienz eines Landes. Schließlich kann sich der Preis für Rohstoffe wie z.B. Kupfer, seltene Erden u.a. verteuern, wenn sie knapper werden und ihre Nachfrage steigt oder wenn sich ein Land dazu entschließt ihren Export zu drosseln (sie also künstlich zu verknappen), um ganze Volkswirtschaften unter Druck zu setzen.

Zuweilen sind auch ganze Produkte oder ihre Teile strategisch relevant. Nehmen wir Klimaanlagen. Diese werden weltweit in den immer heißer werdenden Sommern überlebenswichtig und darum enorm nachgefragt. Die meisten Zulieferer für Komponenten von Klimaanlage arbeiten in China. Die dortige Regierung könnte nun beschließen, den Export dieser Teile in ein „unfreundliches“ Land zur Deckung der heimischen Nachfrage zu stoppen. Dieser Grund mag stimmen, vielleicht soll aber auch nur Druck auf das Land ausgeübt werden – und das kommt jetzt doppeldeutig ins Schwitzen.
Da nun sehr viele Hersteller für viele Komponenten oder komplette Produkte nicht aus Europa stammen, kann man hier durchaus ein Problempotenzial erkennen – sofern die geopolitischen Ränkespiele künftig noch fieser als bisher werden. Und das ist zu erwarten, wenn immer mehr Länder eine „My Country first“-Politik verfolgen.
Bleiben wir beim Beispiel der Klimaanlagen. Diese würde man in einer solchen Lage nicht einfach wegwerfen, wenn sie defekt sind. Man würde sie reparieren bis es nicht mehr geht und ihre Rohstoffe dann recyceln, um neue daraus zu machen. Das gilt natürlich auch für andere Produkte: Das Institut der Deutschen Wirtschaft hat ausgerechnet, dass man ein ganzes Jahrzehnt lang genug Rohstoffe für alle neuen Smartphones in Deutschland hätte, wenn man hierzulande alle alten, Herumliegenden aufbereiten würde (Fluchs/Neligan 2023, 17 ff.).

Die Strategie lautet also in einer Zeit, die von Nationalismus, Handelskriegen, Rohstoffkonflikten, geostrategischem Kalkül – und globalen Umweltproblemen gezeichnet ist, ganz allgemein so: 1. Weniger kritische Rohstoffe und Dinge importieren. 2. Die Rohstoffe und Dinge, die schon da sind, möglichst lange nutzen. 3. Die Dinge reparieren, um sie noch länger nutzen zu können. 4. Die Dinge am Ende nicht wegwerfen, sondern recyceln, um ihre Rohstoffe zu behalten.
Und das erfordert unter anderem eine neue Infrastruktur, die so aussehen könnte: Örtliche Bibliotheken der Dinge (z.B. in Stadtbüchereien) verleihen Gebrauchsgegenstände. Gehen diese durch den häufigeren Gebrauch kaputt, werden sie in ein Repair Café gegeben und dort repariert. Die Bibliotheken kooperieren mit dem örtlichen Wertstoffentsorger. Menschen, die auf Wertstoffhöfen Dinge, die eigentlich noch gut sind und funktionieren, abgeben wollen, können sie dort auch den Bibliotheken überlassen (oder direkt in den Bibliotheken abgeben). Die erhalten so einen steten Zustrom an Gegenständen, die sie allen verfügbar machen. Wenn die Dinge vollends abgerockt sind, kommen sie zum Wertstoffhof und von dort zur Rohstoffrückgewinnung.
Hält man eine solche Infrastruktur für zu „woke“, muss man halt neue Rohstoffquellen erschließen, z.B. auf dem Mond oder auf erdnahen Asteroiden. Eine coole Sache, die in naher Zukunft aber noch zu teuer und umständlich ist. Also sollte ein Land hegen und pflegen, was es bereits hat. Die „3R-Strategie“ (Reduce, Reuse, Recycle) funktioniert folglich auch in einer Zeit, die den längst überwunden geglaubten, düsteren Zeitgeist des 19. Jh. wiederholt, der von nationalen Egoismen dominiert war. Und ganz nebenbei werden Umwelt und Geldbeutel entlastet.
Literatur
Sarah Fluchs/Adriana Neligan (2023). Urban Mining für eine zirkuläre Wirtschaft. IW-Report, 2/23, auf: iwkoeln.de