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Die Konsumgesellschaft und das Gute Leben: Die Story eines Mismatch

Die Konsumgesellschaft und das Gute Leben: Die kurze Story eines Mismatch

Mit dem Thema Konsum haben wir uns ja schon in einigen Beiträgen befasst. Warum also nicht mal an den Anfang der Konsumgesellschaft zurückgehen? In Europa setzte sie nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950ern ein. In den USA ist ihr Beginn dagegen schon um 1900 zu datieren. Die USA wurden schließlich nicht durch den Zweiten Weltkrieg verwüstet und nahmen am Ersten erst gar nicht teil. Außerdem waren die USA die „Neue Welt“ und wo sonst hätte sich zuerst eine Kultur formieren können, die keine Verbindung zu einer Altwelt-Religion oder -Tradition hatte? Die Konsumkultur fand in den USA also einen idealen Nährboden, zumal der Kapitalismus dort auch noch besser als in Europa etabliert war, wo er mit dem Sozialismus einen starken Opponenten in direkter Nachbarschaft hatte.

US-Städte wurden also zuerst von einer anschwellenden Warenwelle erfasst. Aber warum? Gewiss, durch die industrielle Maschinenproduktion wurden die Dinge billiger und konnten gekauft werden. Aber wollte man sie auch kaufen? Man wollte.

Der US-Historiker William Leach schrieb über den Anfang der US-Konsumkultur: Das Ur-Motiv des Massenkonsums war „die Suche nach Glück, Sicherheit, Komfort und materiellem Wohlstand“. (Leach, S. 3) Nicht mehr in der Religion oder in der Arbeit (Karl Marx), sondern im Konsum wurde nun das Gute Leben gesucht. Das war ein neuer Weg und daraus gründete sich eine neue Kultur. „Die Kardinalmerkmale dieser Kultur waren Erwerb und Konsum als Mittel zur Erreichung von Glück, der Kult des Neuen, die Demokratisierung des Begehrens und der Geldwert als vorherrschendes Maß für alle Werte in der Gesellschaft.“ (ibd., S. 3)

 

Das Ganze wäre jetzt nicht sooo interessant, wenn im folgenden Jahrhundert nicht das genaue Gegenteil passiert wäre. Die Konsumgesellschaft erwies sich nämlich als seine Gesellschaft, die nicht darauf ausgerichtet war Menschen (im Allgemeinen) happy, sondern unzufrieden zu machen!

Der britische Ökonom  Tim Jackson bringt dies in seinem Buch Wie wollen wir leben? auf den Punkt: „Unzufriedenheit ist die Motivation für unser unruhiges Verlangen, ununterbrochen Geld auszugeben. Konsumgüter müssen das Paradies versprechen. Aber sie müssen es systematisch versäumen, dieses Versprechen jemals einzulösen. Sie müssen uns im Stich lassen […]. Der Erfolg der Konsumgesellschaft liegt nicht in der Erfüllung unserer Bedürfnisse, sondern in ihrem spektakulären Geschick, uns konsequent zu enttäuschen.“ (Jackson, S. 143)

Das ist – denkt man mal tiefer darüber nach – eine echt verstörende Erkenntnis. Aber ist sie wahr? Nun, wären wir wirklich zufrieden, hätten wir eher nicht das permanente Bedürfnis, neue Dinge zu kaufen, obwohl wir doch schon so viele von ihnen haben. Indem aber unentwegt alle paar Monate neue Dinge, neue Modelle von alten Dingen und neue Moden auf den Markt kommen und die Werbung sie als besser als das alte Zeugs und als Erfüllung lobpreist, wird man mit dem, was man zuvor gekauft hat, automatisch unzufrieden. Also muss man neues Geld verdienen, um Neues zu kaufen, um nach einer Weile erneut enttäuscht zu werden. In der ökonomischen Wettbewerbslogik, in der ein Unternehmen gegen andere um Marktanteile und seine Existenz kämpft, dürfen Konsument:inen mit dem, was sie haben, nicht lange zufrieden sein! Wäre die Mehrheit der Menschen materiell zufrieden, wäre dies wahrscheinlich der Untergang der Konsumgesellschaft (und des Kapitalismus).

In den 1980ern schrieb der US-Ökonom Paul Wachtel: „Im Mittelpunkt unseres Wirtschaftssystems steht die ständige Erzeugung von Begehrlichkeiten, Neid und Unzufriedenheit. […] Wir haben einen Wohlstand erreicht, der die kühnsten Träume der Begründer des kapitalistischen Systems übersteigt. Aber wir können ihn nicht genießen“. (Wachtel, S. 250)

Können wir tatsächlich nicht, denn selbst wer gegen die Verlockungen der Moden und neuen Modelle immun ist, muss sich – sofern er oder sie bei klarem Verstand ist – um die globale Umweltzerstörung Sorgen machen. Und die wiederum ist eine Folge der Konsumgesellschaft.

Wenn also der Konsum jenseits des Notwendigen nicht der Highway to Happiness sein kann, dann kann man viele Dinge leihen, statt sie zu kaufen. Einmal nimmt so die Unzufriedenheit nimmt. Zum anderen kann dabei, indirekt, die Happiness zunehmen. Denn wer Geld spart (z.B. durchs Leihen), statt es auszugeben, empfindet – langfristig! – mehr Lebenszufriedenheit, inklusive einer besseren Schlafqualität. Das brachte eine britische Langzeituntersuchung (2010-2022) ans Licht. Sparen hebt die Laune, weil ein finanzielles Polster Sicherheit bringt und weil man durch das Ersparte nicht auf Kredite zurückgreifen muss. Die triggern nämlich Geldsorgen (Evans/Davies).  

Literatur

William Leach (1993). Land of Desire: Merchants, Power, and the Rise of a new American Culture. New York

Tim Jackson (2021). Wie wollen wir leben? Wege aus dem Wachstumswahn. München

Paul Wachtel (1989). The Poverty of Affluence. Gabriola Island

Jamie Evans/Sara Davies (2024). Understanding the Role of Saving in Promoting Positive Well-Being. University Bristol, auf: bristol.ac.uk

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