Aristoteles wäre User einer Bibliothek der Dinge

Aristoteles lebte vor rund 2300 Jahren. Er war Meister der Philosophie, Vordenker der Wissenschaften und Herr der Schachtelsätze. Aristoteles versuchte die Natur zu begreifen, Glück zu verstehen, die Kunst der guten Staatsführung aufzuzeigen, die Prinzipien von Logik und Ethik zu erarbeiten. Besonders wichtig war ihm die Aufdeckung der Bedingungen eines guten Lebens, denn ein solches führen zu können sei das Ziel eines jeden Menschen.

Für ein gutes menschliches Leben notwendig sind nach Aristoteles u.a. Gesundheit, „wertvolle Freundschaften“, Schönheit (genauer: „kein ganz abstoßendes Äußeres“), „gute Nachkommen“ und Reichtum. Reichtum? Naja, schon der Rabbi sprach: „Ich war arm, ich war reich. Reich war besser.“ Warum hat der Rabbi recht? Weil Armut die Abwesenheit von Optionen ist. Wer arm ist, hat wenig und kann nur wenig tun. Folglich leuchtet ein, warum Aristoteles Reichtum als notwendige Bedingung für ein gutes Leben erachtete. ABER: Aristoteles hatte ein spezielles Verständnis von Reichtum:

„Überhaupt besteht der Reichtum in höherem Maße darin, Dinge zu gebrauchen als sie zu besitzen; denn die Ausübung und der Gebrauch von solche Dingen bedeutet Reichtum.“ (Aristoteles: Rhetkorik, 1361, 1)

Folgt man dieser Definition von Reichtum, muss man nicht zwingend reich sein. Natürlich kann man sich mit Geld Schönheit und viele Dinge kaufen und sie besitzen. Besitzen muss man viele Dinge aber eben nicht, wenn man sie dennoch gebrauchen kann. Da liegt die Share Economy also richtig, wenn sie „Nutzen statt Besitzen“ ruft – zumal dadurch auch noch die Umwelt geschont wird und eine intakte Umwelt für ein gutes Leben von einiger Bedeutung ist. Bibliotheken der Dinge stellen den Gebrauch über den Besitz und ermöglichen den Gebrauch vieler Dinge ohne finanziellen Reichtum, weshalb Aristoteles sie wohl ziemlich cool finden würde (und der Rabbi vermutlich auch).

Allerdings koppelt Aristoteles eine Bedingung an den Gebrauch der Dinge: Sicherheit. „Die Definition der Sicherheit ist, dass man die Besitztümer an einem solchen Ort und auf eine solche Weise besitzt, dass der Gebrauch von ihnen in der eigenen Macht liegt“ (ibid.). Bedeutet: (a) Der Zugang zu den Dingen muss dauerhaft gesichert sein. Außerdem sollte man Dinge (b) gebrauchen können, wenn man sie gerade braucht. Das ist ja die Verheißung des Besitzes, denn mit dem Kauf eines Dings hat man sich das Recht erworben, selbiges jederzeit und beliebig oft gebrauchen zu können.

Sind Bibliotheken der Dinge in der Gesellschaft so fest verankert wie Stadtbüchereien, ist Bedingung (a) erfüllt. Und haben diese Bibliotheken obendrein einen schnellen Rund-um-die-Uhr-Lieferservice, erfüllen sie Bedingung (b). Beides zu verwirklichen, muss folglich das Ziel der Bibliotheken-der-Dinge-Bewegung sein. Wenn das geschafft ist und die Bibs überdies eine große Zahl an Dingen anbieten, sind sie sehr wichtig für ein gutes Leben und die „gute Gesellschaft“ geworden.