Galerie der Konsumgeschichte

1867 veröffentlichen Karl Marx und Friedrich Engels „Das Kapital“. Am Beginn dessen ersten Kapitels schrieben sie:

„Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen die kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warenansammlung“.

Zwar war die Warenansammlung in den damaligen Industriegesellschaften groß wie nie. Die meisten Menschen waren dennoch arm und hatten wenig. Im Buch analysierten Marx & Engels die Waren, um aus ihnen jene „Produktionsverhältnisse“ herauszuarbeiten, welche Fabrikarbeiter arm bleiben ließen und Fabrikbesitzer reicher werden lassen. Eine Revolution der Arbeiterklasse, von Marx und Engels prognostiziert, trat jedoch nie ein. Das Los der Arbeiterschaft begann sich nämlich in den folgenden Jahrzehnten durch neue Sozialgesetze zu verbessern. Vollends machte sich dies mit der Entstehung der Konsum- und Überflussgesellschaft bemerkbar.

1958 bezeichnete der US-Ökonom J.K. Galbraith Länder Nord-Amerikas und Europas als Überflussgesellschaften. Die meisten Gesellschaften waren im Jahrtausend davor Mangelgesellschaften und die Überflussgesellschaft ein völlig neues Phänomen. In diesen Gesellschaften fanden sich in den Städten der 1950ern Shopping-Meilen, durch welche „Flaneure“ die Schaufenster entlang bummelten. In Überflussgesellschaften ist Knappheit kein Problem mehr und der Großteil der Bevölkerungen, auch die Arbeiterschaft, verfügt über einen materiell hohen Lebensstandard. Dennoch, so Galbraith, produzierten Unternehmen weiterhin Güter, als befänden sie sich in einer Mangelgesellschaft. Diese versuchten sie über Werbung und Konsumentenkredite abzusetzen. Allein die Tatsache, dass Werbung zunehmend Verbreitung fand, bezeugte nach Galbraith den Überfluss, denn in Mangelgesellschaften ist Werbung nicht notwendig.
1972 wurde erstmals die Schattenseite der Konsumgesellschaft thematisiert. Diese benötige so viele Rohstoffe, die sie Ökosystemen entzieht, dass diese in den kommenden Jahrzehnten zur Neige gehen würden. Die Folge, so die Prognose des Buchs, sei ein Kollaps nicht nur der Konsumgesellschaften, sondern der menschlichen Zivilisation. Dieser Kollaps ist bislang bekanntlich ausgeblieben, da der technische Fortschritt Rohstoffquellen aufgespürt und den Abbau von Rohstoffen auch dort profitabel gemacht hat, wo es zuvor als unmöglich galt, Rohstoffe abbauen zu können (z.B. am Grund tiefer Ozeane). Mittlerweile hat sich der Fokus verschoben: Nicht die Menge der verfügbaren Rohstoffe gilt als Problem, sondern deren Abbau und die damit verbundenen Störungen der Ökosysteme weltweit sowie die Abfallmengen, die in sie eingeleitet werden. Diese machen einen Kollaps des globalen Ökosystems zunehmend wahrscheinlich.

2005 verfasste die US-Soziologin „Born to Buy“ und nannte Gründe, warum sich die Konsumgesellschaft trotz der ökologischen Kritik an ihr nicht fundamental wandelt: Kinder würden, z.B. durch an sie speziell adressierte Werbung zu Konsumenten erzogen. Sie lernen früh, ihre Persönlichkeit durch Konsum auszudrücken, und den Kauf und Besitz von Waren als unhinterfragte Selbstverständlichkeit anzunehmen.

Nach 1990 weitete sich die Konsumgesellschaft durch den Kollaps der Sowjetunion nach Osteuropa aus. Gleichzeitig stiegen immer mehr Bürger und Bürgerinnen bevölkerungsreicher Schwellenländer (Brasilien, Indien, China, Tigerstaaten) in die Konsumgesellschaft auf. Der Verbrauch an Energie und Rohstoffen beschleunigte sich nun.

2010 erschien das erste Buch zur Share Economy, in der nicht mehr der Kauf und Besitz, sondern das Leihen von Waren im Vordergrund stand. Rachel Botsman und Boo Rogers prognostizierten eine Transformation der Konsumgesellschaft, die durch das Internet möglich geworden sein. Durch das Internet sei das Tauschen und Verleihen viel einfacher geworden. Die Share Economy sei zudem eine Nachhaltigkeitsrevolution, da weniger Dinge produziert werden müssen, wenn sie kollaborativ (= gemeinschaftlich) genutzt werden.

Durchsetzen konnte sich die Share Economy in den folgenden zehn Jahren jedoch nur in wenigen Bereichen. Zwar zeigte sich, dass viele Menschen, sogar Mehrheiten in Konsumgesellschaften zur gemeinschaftlichen Nutzung vieler Dinge bereit sind. Oft ist es jedoch zu unpraktisch, jemanden zu finden, der hat, was man braucht, einen Übergabetermin auszumachen, hinzuzufahren, um das Ding abzuholen und wieder abzugeben. Außerdem wollten die meisten gerne etwas leihen, nicht aber verleihen, da ihnen das Vertrauen in Fremde fehlte.

2020 erschien das Buch, das diese Probleme der Share Economy zu lösen versuchte, indem es eine neue Institution und Bewegung vorstellte und untersuchte: 

Die Bibliothek der Dinge. Untersucht wurden u.a. ökologische, soziale und kulturelle Effekte, die von solchen Einrichtungen ausgehen. 

Wissenschaftliches Fazit: Diese neuen Bibliotheken sind voll krass!