Thomas Morus, Star Trek und die Bibliothek der Dinge

Anno 1516 veröffentlichte der Lordkanzler Thomas Morus (1478-1535) ein Buch. Er nannte es Utopia und stellte in diesem seine Vision einer humanistischen und vollkommenen Gesellschaft dar. Das war damals neu, galten die gesellschaftlichen Verhältnisse doch als gottgewollt und bereits vollkommen. Aber Morus dachte sie neu und wurde damit zugleich der Begründer einer neuen Form des Romans, denn in den folgenden 500 Jahren wurden weitere Utopien veröffentlicht. Eine der letzten ist die Star Trek-Saga von Gene Roddenberry, der wiederum einige Ideen von Morus aufgegriffen und im 23. Jahrhundert verwirklicht hat.

Wieso erwähnen wir das hier? Weil Morus in seinem Gesellschaftsentwurf eine Bibliothek der Dinge vorausdachte – und zwar so: „Jede Stadt zerfällt in vier gleiche Teile. In der Mitte eines jeden befindet sich ein Markt für alle Arten von Waren […] und die einzelnen Warengattungen sind gesondert auf Speicher verteilt. Jeder Familienvater verlangt dort, was er selbst und die Seinen brauchen, und nimmt alles, was er haben will, mit, und zwar ohne Bezahlung und überhaupt ohne jede Gegenleistung.“ (T. Morus 1985: Utopia. Leipzig, S. 65)

Wie kommen die Waren bei Morus in die Speicher? Jeder Erwachsene auf Utopia arbeitet sechs Stunden am Tag, was damals lächerlich wenig war. Man arbeitet in der Landwirtschaft und hat ein weiteres Handwerk erlernt. Die handwerklichen Produkte lagern die Bürger in die Speicher ein, auf damit sie jeder Vater (naja, die Gleichberichtigung zwischen Mann und Frau war damals ein noch zu abenteuerlicher Gedanke) abholen und mit seiner Familie nutzen kann. Eigentum gab es bei Morus nicht, ebenso wenig Geld, da er beide als Hindernis für ein gutes Leben erachtete.

Eigentum und Geld gibt es auch bei Star Trek nicht. Klar, Kirk & Co haben den Replikator und der macht vieles einfacher. Eigentum ist im 23. Jahrhundert nicht verboten, aber schlicht unnötig geworden. Im 21. Jahrhundert lässt sich Morus‘ Vision einer Bibliothek der Dinge annähernd verwirklichen. Ohne Geld kann sie zwar nicht betrieben werden, aber mit wenig Geld. Und wie bei Morus bringen die Bürger einer Stadt Waren zur Bib, wo sie dann allen (Mitgliedern) zur Verfügung gestellt werden. Auf diese Weise machen diese neuen Bibliotheken den Besitz vieler Dinge unnötig, ohne Eigentum abschaffen zu wollen.

So betrachtet haben Bibliotheken der Dinge tiefe Wurzeln, die weit in die Geistesgeschichte reichen und die Zukunft gestalten können. Denn selbst die imaginäre Erfindung des Replikators würde Bibliotheken der Dinge nicht überflüssig machen. Der einsichtige Grund dafür ist irgendwo in unserem Angebot versteckt…

 

Titelblatt von Utopia 1518