Die neue Konsumgesellschaft

„Wir leben in einer Welt voller Gegenstände und werden von Waren und Kaufangeboten regelrecht überschwemmt“, schreibt Daniel Miller am Beginn seines Buches Der Trost der Dinge (2010). Diese Flut nimmt seit 1950 – dem internationalen Beginn der Konsumgesellschaft – stetig und weltweit zu. Seitdem haben auch der globale Energieverbrauch, die durchschnittliche Kaufkraft pro Kopf sowie die Produktion (u.a. von Lebensmitteln, Baumwolle, Autos, Holz, Beton, Kunststoffen) rasant zugenommen. Und das wirkt sich global auf das globale Klima, die Luft-, Boden- und Wasserqualität, auf Wälder und andere Lebensräume sowie auf die Artenvielfalt aus. Alles in allem verschlechtern sich die Lebensbedingungen auf der Erde für viele Arten so sehr, dass das globale Ökosystem in den nächsten Jahrzehnten umkippen wird, wenn die Menschheit weiter wie bisher macht.


Vor diesem Hintergrund (und der aktuellen Corona-Pandemie) widmet sich die Ausgabe 11/2020 des Wirtschaftsmagazins brand eins dem Schwerpunkt Die neue Konsumgesellschaft. Denn die Konsumgesellschaft wandelt sich: Sie werde wegen ihrer ökologischen Schattenseiten kritisiert, jüngere Generationen (Y, Z, Alpha) sähen durch sie ihre Zukunft bedroht und stationäre Händler würden von Online Shopping und hohen Ladenmieten gefährdet. Letzteres zeige sich z.B. am Niedergang der Warenhäuser und dem ansteigenden Leerstand von Ladenflächen. Die auf Einkaufsstraßen, Warenhäusern, Shoppingcenter, Tiefgaragen, Systemgastronomie ausgerichtete Innenstadt scheine ein Auslaufmodell zu sein. Und? „Nur weil etwas lange da war, muss man es nicht retten“, kann man in der Ausgabe lesen. Das ist richtig, denn retten muss man nicht, was dem Planeten und damit allen schadet. Man muss es transformieren. „Transformation ist kein Grund zur Panik, sondern der Normalzustand.“ Und aus das steht im Heft: „Wie in jeder Veränderung stecken auch im Wandel der Konsumgesellschaft Chancen.“

Irgendwo in Deutschland: Eine Innenstadt aus dem 20. Jh., die im Geiste der Konsumgesellschaft entworfen wurde. (Bild: pixabay)

Chancen? Welche? Zum Beispiel vielfältigere und kreativere Innenstädte, die nicht primär auf den Kauf und Verkauf ausgerichtet sind. Der Ökonomen Stephan Jansen sieht im Heft noch grundlegendere: „Wir kaufen zu viel und nutzen oft nicht, was wir gekauft haben. […] Bereits beobachtbar ist: In entwickelten Ländern werden einmal gekaufte Produkte immer seltener genutzt. Das gilt für Textilien, Kunst, Ferienwohnungen, Autos, Einbauküchen, Werkzeug und vieles mehr.“ Wer indes weniger kauft, muss auch weniger Geld verdienen und kann weniger oder sinnerfüllter arbeiten. Und genau hierin liegen, so Jansen, Chancen:

 

„Welche Gesellschaft wollen wir?“, fragt er. „Weiterhin eine, in der wir um des Überkonsums willen Überstunden machen? […] Wie befreien wir uns als Gesellschaft aus der scheinbar alternativlosen Wachstumsspirale von Überstunden für oft nicht sinnstiftende Arbeit, Überproduktion von oft nicht bedürfnisbefriedigenden und nachhaltigen Gütern und Überkonsum von oft ungenutzten Gütern, um eine bessere Version eines erfüllten Lebens zu versuchen?“ Zudem ließe sich fragen: Welche Welt wollen wir? Viel Besitz und Vollbeschäftigung sind wenig wert, wenn die die Kräfte kollabierender Ökosysteme über die Menschheit herfallen und ihre Lebensqualität verschlechtern.

 

Die Verlagerung vom Einkauf in der City zum Online-Kauf genügt hier nicht, denn dadurch wird ja noch nicht weniger gekauft und produziert. Bloße Konsumkritik genügt ebenfalls nicht. Es braucht neue Alternativen, welche die Stärken der alten Konsumgesellschaft beibehalten, deren Schwächen aber überwinden. Sie können das Alte ablösen und Bibliotheken der Dinge sind, so meinen wir, eine solche neue Alternative. Durch sie muss niemand auf materiellen Wohlstand verzichten, gleichzeitig wird die Umwelt entlastet. Die Lebensqualität nimmt außerdem zu, wenn Umweltzerstörung und Arbeitsstress abnehmen.

 

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